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José Saramago: Die Stadt der Sehenden (Kritik)

10.04.2006
von unserer Redakteurin
Silke Schröder

Was tun, wenn 75 % der Bevölkerung einen leeren Wahlzettel abgeben?
Die Regierung ist ratlos. Selbst die Nachwahlen fallen nicht besser aus. Aber anstatt die Gründe für den beispiellosen Boykott zu untersuchen, beschließt sie, aus Angst vor Terrorismus den Ausnahmezustand auszurufen. Die Rechte der Einwohner werden eingeschränkt, die Presse steht unter Zensur. So zerbricht langsam der Rechtsstaat und öffnet die Tür zur Diktatur.

Nach seinem Buch „Stadt der Blinden“, in dem eine ganze Stadt mit einem Schlag blind wird, beschreibt Saramago in seinem neuen Buch „Stadt der Sehenden“, wie es ist, wenn die rechstaatlichen Mittel außer Kraft gesetzt werden und die Willkür und die Tyrannei Einzug finden. Allerdings macht es uns der große alte Portugiese nicht ganz so leicht, Zugang zu seinem Roman zu finden. Seine Protagonisten stellt er erst nach der ersten Hälfte des Buches vor, sein Stil braucht durch den Wegfall von Absätzen und wörtlicher Rede etwas Gewöhnung. Aber es lohnt sich, denn ihm ist eine philosophisch-intelligente Parabel auf die Zerbrechlichkeit unserer Demokratie gelungen. Nicht nur für notorische Nicht-Wähler eine ebenso eindringliche wie unterhaltsame Mahnung.

José Saramago wurde am am 1922 im portugiesischen Ribatejo geboren. Der Durchbruch gelang ihm 1980 mit dem Roman "Levantado do chão", einer Familienchronik aus dem kargen Alentejo. Seine Werke sind in 26 Sprachen übersetzt. 1998 Gewinner des Nobelpreis für Literatur . Er lebt heute auf Lanzerote.
Autor/in: Jose Saramago
Verlag: Rowohlt, Reinbek
Umfang: 382 Seiten
Erscheinungsjahr: März 2006
ISBN: 978-349806384-9
Preis: 22,90 €
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